in: Friedhofskultur 11/2003

Totenruhe nicht mit Grabesstille verwechseln

Auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf fand die 1. Lange Nacht statt.

Es scheint, als träumte er in einem Dornröschenschlaf, der Südwestkirchhof der ehemaligen Berliner Stadtsynode in Stahnsdorf bei Berlin. Ab Beginn des 20. Jahrhunderts geplant, um auf das drängender werdende Problem des Mangels an Bestattungsfläche für die wachsende Metropole Berlin in einem großen Wurf zu antworten, 1909 eröffnet, seit 1913 mit eigenem Bahnanschluss, versank er nach dem Mauerbau, abgeschnitten von einem Großteil seiner Heimatgemeinden und vielen Hinterbliebenen, in eine Art Dämmerzustand.
Seit der Wiederherstellung der Einheit Deutschlands und Berlins wurden durch den Friedhofsträger (die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg), die Denkmalpflege, den Förderverein Südwestkirchhof, die Stiftung Historische Kirchhöfe und Friedhöfe in Berlin-Brandenburg und viele Engagierte eine Vielzahl von Anstrengungen unternommen, um dem Verfall Einhalt zu gebieten. Mit Unterstützung der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin und der Deutschen Bundesstiftung Umwelt wurde eine Reihe der am meisten bedrohten Denkmale konserviert und ein Sicherungs- und Erhaltungskonzept erarbeitet. Dennoch ist der Handlungsbedarf weiterhin enorm.


Die Stabholzkirche bildete den
zentralen Treffpunkt bei der
Langen Nacht

Aber der Friedhof, einer der größten in Deutschland, kehrt langsam ins öffentliche Bewusstsein zurück. Immer häufiger sieht man kulturinteressierte Ausflügler allein oder bei einer Führung auf dem Gelände, einige neue Veröffentlichungen leiten den Besucher.


Schauspielerinnen und Schauspieler des Maxim-Gorki-Theaters lasen an zwei Orten szenisch aus Fontanes "Effi Briest"

Am Abend des 30. August 2003 kehrte nun ein völlig neues Leben in Stahnsdorf ein. 4200 Gäste, davon 3700 zahlende, kamen zur ersten Langen Nacht des Südwestkirchhofes. In Anlehnung an die in Berlin seit Jahren erfolgreiche lange Nacht der Museen wirkten mehr als 120 Künstler, Wissenschaftler, Architekten, Politiker an den einzelnen Programmpunkten mit, Schüler der Musikschule musizierten an den Wegen und Plätzen, das technische Hilfswerk stellte die Stromversorgung sicher, Freiwillige aus Förderverein und Gemeinde kümmerten sich um Parkplatzzuweisung und Kartenverkauf - und all das unentgeltlich, damit der Erlös ungeschmälert der Sicherung von Denkmälern auf dem Südwestkirchhof zugute kommen kann.
Es hatte im Vorfeld durchaus ernsthafte Diskussionen darüber gegeben, ob solch einer Veranstaltung nicht die Würde des Ortes entweihen und die Totenruhe verletzen würde. Von denen, die den Abend in Stahnsdorf erlebt haben, fand keiner einen Grund, diese Befürchtungen erfüllt zu sehen:


Viele Grabmäler dienten als Kulissen für Lesungen und musikalische Darbietungen
Alle Veranstaltungen fanden auf Freiflächen außerhalb der aktuellen Bestattungsflächen statt, nachdenkliche, interesssierte und erwartungsvolle Besucher flanierten auf den beleuchteten Wegen.
Die Beiträge reichten von wissenschaftlich-informativen über heiter-besinnliche bis zu erbaulichen Angeboten. In Erinnerung an Baronin Elisabeth von Ardenne, Vorbild für Fontanes Effi Briest, wurden Teile aus dem Roman szenisch vorgetragen.


Am Grabmal Wissinger unterstützte farbige Illumination die Interpretation des expressionistischen Kunstwerkes

Am expressionistischen Grabmal Wissinger informierten unter dem Titel "Frühlicht in Beton" Architekt Fischer und Denkmalpfleger Kalesse über die Geschichte, Interpretation und Restaurierung des einmaligen Denkmals. An der Umbettungsreihe, deren Grabmäler im Zuge von Hitlers "Germania"-Plänen von Innenstadtfriedhöfen hierher verbracht wurden, fand die Uraufführung eines Dialogstückes von Ulrich Schlie, basierend auf den Kranstatter Vernehmungsprotokollen Albert Speers, statt. An zahlreichen Stellen wurde mit eindrucksvollen musikalischen Darbietungen der hier beigesetzten Künstler gedacht, so Engelbert Humperdincks, Hugo Distlers oder Hugo Rüdels.
Bildende Künstler präsentierten sich mit Ausstellungen und Installationen im Spannungsfeld von Tod, Vergehen, Auferstehung und Ewigkeit.

An das Schicksal der im Nationalsozialismus Verfolgten erinnerten Lesungen aus den Briefen der Schauspielerfamilie Gottschalk, die durch Hitlers Rassengesetze in den Selbstmord getrieben wurde, und ein Vortrag über Jüdische Friedhöfe in Brandenburg.
Spätabends schließlich versetzte Filmfreunde eine Aufführung des Klassikers "Nosferatu" unweit der Grabstätte seines Regisseurs Friedrich Wilhelm Murnau in gepflegtes Gruseln. Am Brunnen der Lietzensee-Achse sang Diseuse Georgette Dee ihre Lieder.
Als das Läuten der Glocken der Stabholzkirche um Mitternacht die Lange Nacht beschloss, hatte sich gezeigt, wie recht Bischof Huber hatte, als er in seiner Eröffnungsrede darauf hinwies: "Totenruhe sollte man nicht mit Grabesstille verwechseln." Und seinem Dank an die zahlreichen, es sei wiederholt, unentgeltlich Mitwirkenden konnte sich jeder Besucher nur anschließen.

Der hohe Umfang an kostenloser Hilfe lässt allerdings den Fördervereinsvorsitzenden Olaf Ihlefeldt auch an einer Neuauflage zweifeln: "Dies wird sich kein zweites Mal wiederholen lassen." "Eine Veranstaltung in diesem Umfang" werde es wohl nicht mehr geben. Unstimmigkeiten im Vorfeld mit dem künstlerischen Leiter Peter Hahn, der mit seinen umfangreichen Kontakten zahlreiche Mitwirkende für die Veranstaltung begeisterte, mögen zu dieser Einschätzung beitragen. Es wird die gründliche Auswertung des Abends abzuwarten sein, bis feststeht, in welcher Weise die Beteiligten dem gemeinsamen Anliegen, der Sicherung und Erhaltung des Südwestkirchhofs und seiner Denkmäler, am besten gerecht werden können.

Andreas Günther

Alle Fotos: Andreas Günther

Links zum Thema:
www.suedwestkirchhof.de
www.langenacht-suedwestkirchhof.de

 

Das THW übernahm die technische Sicherstellung