Rede des Chefs der Senatskanzlei, André Schmitz,

zur Eröffnung der Jubiläumsveranstaltung anlässlich des 15jährigen Bestehens

der Stiftung Historische Kirchhöfe und Friedhöfe in Berlin-Brandenburg

am 27. August 2004 in der Kapelle des Friedrichswerderschen Kirchhofs, Bergmannstr. 44, Berlin-Kreuzberg

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Herr Superintendent (Lothar Wittkopf, Kirchenkreis Stadtmitte),

Sehr geehrter Herr Dr. Ziekow (Stv. Vorstandsvorsitzender der Stiftung),

lieber Herr von Krosigk,

liebe Freundinnen und Freunde von Friedhofskultur und Denkmalpflege,

 

ich begrüße Sie alle sehr herzlich und heiße Sie willkommen zur Jubiläumsfeier aus Anlass des 15 jährigen Bestehens der Stiftung Historische Kirchhöfe und Friedhöfe in Berlin-Brandenburg.

 

Vielleicht ist es eine der überraschendsten Erfahrungen, die man im Leben so macht, dass Friedhöfe etwas sehr lebendiges sein können. Sicher: Vielen von uns kommt ein solcher Satz nur schwer über die Lippen. Wir denken an die Beerdigung eines lieben Menschen. An Abschied, an Schmerz und an tiefe Trauer. Friedhöfe sind eben nun einmal letzte Ruhestätten. Da gibt es nichts zu deuteln.

 

Und doch stehe ich zu meiner Aussage: Friedhöfe sind etwas zuweilen sehr lebendiges. Das beginnt schon mit den Menschen, derer wir auf ihnen gedenken: "Nicht alle sind tot, die begraben sind" lautet eine Inschrift auf dem Südwestfriedhof in Stahnsdorf. Grabmäler und Inschriften erinnern uns an ganz konkrete Personen. Blumen, Kränze und Kerzen schaffen eine Aura des Innehaltens und Erinnerns und helfen uns, an ihre Gedanken, an ihr Auftreten, an ihre Taten und an ihr Wirken zu denken. Und damit werden sie lebendig – wenn auch in Gedanken.

 

Oder denken wir an Besuche in fremden Orten – an so unterschiedliche Begräbnisstätten wie Pere Lachaise in Paris oder einen Dorffriedhof in Brandenburg oder an einen der vielen anderen Friedhöfe, die jeder und jede von uns schon einmal besucht hat. Was gibt es Aufschlussreicheres als einen Besuch auf dem örtlichen Friedhof?!

 

Wie werden die Menschen bestattet? Sind die Gräber individuell gestaltet oder folgen sie einem einheitlichen Konzept? Woran erkennt man die soziale Stellung der Menschen, die hier ihre letzte Ruhe gefunden haben? Ist die Begräbnisstätte gepflegt? Ist der Blumenschmuck bunt und farbenfroh oder eher dunkel und ernst? Wo ist der Friedhof geographisch gelegen – mitten im Zentrum, eher am Rand oder gar vor den Toren der Stadt?

 

Das sind alles Fragen, deren Beantwortung etwas über die Gesellschaft, über den Umgang mit Leben und Tod, über Erinnerung und Gedenken, über den Umgang mit kollektiver und persönlicher Vergangenheit sagt. Friedhöfe haben eine eigene Sprache und wir können auf ihnen sehr viel über die Kultur einer Gesellschaft lernen.

 

Mit Friedhöfen ist es wie mit einem Geschichtsbuch. Sie sind in gewisser Weise Medien für die bewusste Aneignung von Geschichte. Ihre Pflege sagt ebenso viel über unseren Umgang mit Geschichte wie Vernachlässigung oder gar Verwahrlosung.

 

Ich freue mich daher, dass diese heutige Jubiläumsveranstaltung ein deutliches Zeichen setzt: Ein Zeichen, dass uns die historischen Kirch- und Friedhöfe wichtig sind, dass sie wichtig für unsere Stadt und unsere Region sind, dass wir sie als Kultur- und Erinnerungsstätten schätzen und pflegen wollen und dass wir dies als eine gemeinsame Aufgabe vieler Akteure ansehen: der Kirchen und Religionsgemeinschaften, der Bezirke und der Landesdenkmalpflege, vor allem aber der Bürgerinnen und Bürger selbst.

 

Und wenn ich die Entstehungsgeschichte unseres heutigen Jubilars richtig deute, dann glaube ich: Die Stiftung ist ein gelungenes Beispiel dafür, dass es in den ersten 15 Jahren gelungen ist, Menschen für dieses Anliegen zu gewinnen und ich bin auch fest davon überzeugt, dass uns gemeinsam Schritt für Schritt ein Bewusstseinswandel in der Stadt gelingt – ein Bewusstseinswandel, den man vielleicht am besten mit zwei typischen Handbewegungen verdeutlichen kann: vom "Hand-Aufhalten" zum "Ärmel-Hochkrempeln", wobei ich natürlich niemandem hier im Raum ersteres auch nur für die Vergangenheit unterstelle...

 

Ich meine es umgekehrt: Je mehr Menschen in Berlin den Weg einer Stiftung oder einer anderen bürgerschaftlichen Initiative gehen und das nicht nur im Stillen praktizieren, sondern darüber reden und dafür werben, dass andere ihnen folgen, desto mehr verändert sich auch das Klima in der Stadt, desto mehr wird aus der früheren Subventionshauptstadt Berlin eine Hauptstadt der Initiative, eine Hauptstadt des Anpackens und des bürgerschaftlichen Engagements.

 

An dieser mentalen Veränderung müssen wir alle arbeiten. Und wir müssen vor allem mehr werden.

 

Lassen Sie mich daher kurz auf drei Aktionen eingehen, die aus meiner Sicht geeignet sind, dem Anliegen der Stiftung Nachdruck zu verleihen, und die helfen, neue Zielgruppen für den Gedanken einer Pflege von historischen Kirch- und Friedhöfen zu gewinnen.

 

Ich freue mich sehr – und das ist die erste Aktion -, dass Sie ab Oktober mit der Knobelsdorff-Schule, dem Oberstufenzentrum für Bautechnik, zusammenarbeiten werden und dass dann Auszubildende verschiedener Gewerke im Rahmen ihrer Lehre zur Erhaltung und Restaurierung historischer Mausoleen beitragen werden. Das ist eine Chance, junge Menschen an den Wert historischer Bausubstanz und an das Thema Denkmalschutz heranzuführen. Und es eröffnet den Auszubildenden einen neuen Bezug zur Geschichte, indem sie sich mit Grabstätten konkreter historischer Persönlichkeiten beschäftigen.

 

Indem Sie junge Menschen für die Anliegen der Stiftung gewinnen, legen Sie den Grundstein für Partnerschaften, die auch in der Zukunft tragen. Ich möchte Sie daher ausdrücklich ermutigen, auf diesem Weg weiterzugehen. Suchen Sie den Kontakt zu Schulen und Kindergärten, zu Lehrern, Eltern, Kindern und Jugendlichen. Es geht um ein wichtiges Stück kultureller Bildung und damit muss man bekanntlich früh beginnen.

 

Die zweite Aktion, die ich hervorheben möchte, ist die Initiative, Patenschaften für einzelne Grabstätten anzubahnen. Wenn es dem Naturkundemuseum gelingt, die Berliner Bevölkerung für Patenschaften mit ausgestopften Tieren zu gewinnen, dann muss es doch auch gelingen, Menschen dafür zu gewinnen, die Erinnerung an eine historische Persönlichkeit wach zu halten. Und das erst recht, wenn man im Gegenzug sogar ein Nutzungsrecht für sich selbst auf eben jener Grabstätte erwerben kann – eine wunderbare, pfiffige Idee, die auf die uns eigene und zutiefst menschliche Eitelkeit abzielt und gleichzeitig dezent zur Öffnung des Portemonnaies für einen guten Zweck animiert...

 

3. Und zum Schluss noch ein letztes: Wenn Sie nachher hinausgehen auf den Kirchhof, sehen Sie neben dieser Kapelle einen rund 1,20 m großen Galvanoengel. Das ist die Grablege einer Fabrikantenfamilie aus dem 19. Jahrhundert. Das Objekt zeigt deutliche Verfallsspuren, wurde daher eingelagert und wird nur heute zu Demonstrationszwecken hier auf dem Kirchhof ausgestellt. Die Stiftung hat sich vorgenommen, diesen Engel zu restaurieren. Aber sie kann es nur, wenn sie dabei unterstützt wird. Und deshalb steht am heutigen Jubiläumstag draußen neben besagtem Galvanoengel ein Spendentopf.

 

Ich würde mich sehr freuen, wenn es uns heute gemeinsam gelänge, einen guten Teil der fehlenden Mittel für die Restaurierung aufzubringen. Das wäre – neben all den schönen Worten, die wir hier sprechen - ein schönes Geburtstagsgeschenk für die Stiftung und eine sichtbare Tat, eine Gemeinschaftstat der "Fangemeinde" historischer Kirch- und Friedhöfe, die heute hier versammelt ist.

 

Eingangs hatte ich von der Lebendigkeit vieler Friedhöfe gesprochen. Wie Sie sehen, kommt es dabei auch auf die Lebendigkeit und die Bereitschaft vieler Menschen zum Engagement an. Stiftungen sind dafür vielfach der richtige Ort, wo sich dieses Engagement entfalten kann. Die Stiftung Historische Kirchhöfe und Friedhöfe Berlin-Brandenburg ist es auf jeden Fall. Sie ist quick lebendig und lädt zum Mitmachen ein. Machen Sie mit!

 

In diesem Sinne gratuliere ich der Stiftung noch einmal sehr herzlich zu ihrem 15 jährigen Bestehen. Ich danke Ihnen allen, die Sie sich in besonderer Weise der Friedhofskultur und der Denkmalpflege verschrieben haben, für Ihren unermüdlichen Einsatz, wünsche Ihnen für die Zukunft viele neue Mitglieder und Förderer, alles Gute und viel Erfolg bei Ihrer wichtigen Arbeit – nicht nur in den nächsten 15 Jahren!