Schwere Last und reiches Erbe:
DIE BERLINER FRIEDHÖFE

Reiner Sörries
Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal, Kassel anlässlich der Jubiläumsfeier "15 Jahre Denkmalpflege auf Friedhöfen" der Stiftung Historische Kirchhöfe und Friedhöfe in Berlin-Brandenburg am 27. August 2004

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Stiftung historische Kirchhöfe und Friedhöfe in Berlin-Brandenburg blickt auf eine 15jährige engagierte und segensreiche Tätigkeit zurück. Dazu darf ich die herzlichsten Glückwünsche der bundesweit tätigen Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal in Kassel überbringen. Allein die Existenz der Stiftung ist ein unübersehbares Signal, dass es in Berlin ein kontinuierlich wachsendes Verantwortungsbewusstsein für die Friedhöfe dieser Stadt gibt. Wir sprechen dabei auch nicht von einer städtebaulichen Marginalie. Immerhin machen die Friedhöfe etwa 1 % der gesamten Stadtfläche aus. Schon diese enorme Ausdehnung, die mit etwa 1. 500 Hektar zu beziffern ist, lässt die stadtplanerische Größenordnung dieses Aufgabenfeldes im Ansatz erkennen. Zum Vergleich sei gesagt, dass der Friedhof Hamburg Ohlsdorf, der als der größte der Weit gilt, "nur" etwa 400 Hektar misst.

Allein der Umfang dieser Aufgabenstellung lässt sich nicht einfach ermitteln. Bei der Vorbereitung auf meinen Vortrag bin ich schon auf Schwierigkeiten gestoßen, die exakte Zahl der Friedhöfe zu ermitteln. Um 1935/40 soll es 245 Friedhöfe gegeben haben, darunter 80 kommunale, 130 evangelische, 16 katholische, 6 jüdische, 5 staatliche, je einen russischen und einen türkischen sowie 2 privat betriebene. 1992 wurde in der von der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz herausgegebenen Broschüre "Friedhöfe in Berlin unter Berücksichtigung der Gartendenkmalpflege" (Heft 7) die Zahl mit 240 angegeben, wovon 188 für Bestattungen zugelassen waren. Die in derselben Broschüre publizierte Liste der Friedhöfe zählt 266 Bestattungsplätze. Die Zählweise hängt unter anderem davon ab, ob man Friedhofsareale mit unterschiedlichen rechtlichen Trägern nun als einen oder als mehrere Friedhöfe zählt.

Doch wie dem auch sei, Zahl und Fläche der Friedhöfe in Berlin suchen europa-, ja weltweit ihresgleichen. Dieser einzigartigen Konstellation ist man sich in Berlin bewusst und programmatisch kann man dies in der bereits zitierten Broschüre von 1992 nachlesen:

..Daß das Problembewußtsein für die Wiederherstellung und den Erhalt der historischen Friedhöfe und Kirchhöfe Berlins nicht nur in den Verwaltungen verbleibt, sondern zunehmend in das Bewußtsein der Öffentlichkeit dringt, erfordert mehr als bisher vor allem eine umfassende Information der Öffentlichkeit und eine fruchtbare Diskussion mit allen beteiligten Verwaltungen, Dienststellen, Besuchern und Nutzern der historischen Friedhöfe und Kirchhöfe über die Möglichkeiten der Wiederherstellung und des Schutzes dieser bedeutenden Anlagen, Dabei darf die Öffentlichkeitsarbeit nicht nur vom Staat ausgehen, sondern sie muß von allen Beteiligten und allen mit Friedhöfen und Kirchhöfen befaßten Organisationen, Dienststellen und Einzelpersonen vorangetrieben werden. Nur eine konzentrierte Aktion der Kunsthistoriker, der Denkmalpfleger, der Verwaltungen, der Kirchengemeinden, der Heimatkundler und Bürgerinitiativen aus den jeweiligen Stadtquartieren, in denen die Friedhöfe liegen, kann das Problembewußtsein in der Öffentlichkeit schärfen und kann auch die Entscheidungsträger dieser Stadt auf die Notwendigkeit hinweisen, mehr denn je für die Erhaltung des Kulturgutes und die Erhaltung der historischen Identität dieser Stadt an Mitteln bereitzustellen. Dies ist eine Daueraufgabe, die durch mannigfaltige Aktivitäten permanent unterstützt werden muß. ... es müssen alte Möglichkeiten ausgeschöpft werden, das Wissen und das Interesse über und für historische Friedhöfe in Berlin in der breiten Öffentlichkeit zu verankem.

Allerdings haben sich die Verhältnisse in den vergangenen zehn Jahren nicht unwesentlich, ja sogar dramatisch geändert, nicht nur in Berlin, sondern bundesweit. Nahezu alle Friedhöfe, zumindest in den größeren und erst recht in den Großstädten unterliegen einem enormen ökonomischen Druck, der in erster Linie durch ein verändertes Bestattungsverhalten in der Bevölkerung ausgelöst wird. Waren die Friedhöfe meist schon vor hundert und mehr Jahren unter der Voraussetzung eines Bevölkerungswachstums bei vorherrschender Erdbestattung verantwortungsbewusst dimensioniert, so sind sie heute bei einem bundesweiten Anteil der Feuerbestattung von über 40 % und zunehmend platzsparenden Beisetzungen in anonymen Gräbern und Urnengemeinschaftsanlagen zu groß geworden. Lange Zeit wurde diese Tatsache entweder nicht wahrgenommen oder bewusst verschwiegen. In der Öffentlichkeit gehen viele Menschen umgekehrt von der Tatsache aus, unsere Friedhöfen würden zu klein werden.

Wissenschaftlich aufgearbeitet hat dieses Thema meines Wissens erstmals Jürgen Mies in seiner Dissertation an der TU Dresden Ende der 90iger Jahre. Heute kommt kein Verantwortlicher mehr um diese Tatsache herum, und wir nähern uns dem Thema, dass die reiche Berliner Friedhofslandschaft zunehmend zu einer Last für die kommunalen wie die kirchlichen Träger wird oder schon geworden ist.

Der enge Zusammenhang von Denkmalpflege und Nutzungskonzept ist gewiss kein friedhofsspezifisches Problem, aber Friedhöfe sind besonders davon betroffen. Ein Friedhof, der nicht mehr für Beisetzungen genutzt wird, ist kein Friedhof mehr. Und bis heute kennt kaum jemand eine Antwort auf die Frage, welcher anderen Nutzung ein Friedhof zugeführt werden kann. Kann man einen Herrensitz oder ein Schloss in ein Hotel oder einen gastronomischen Betrieb umwandeln, kann man ein Industriedenkmal mit neuen Büros und Werkstätten füllen, so scheiden ähnliche Überlegungen für einen Friedhof schon aus Gründen der Pietät nahezu aus.

Nutzungskonzepte und Visionen

Andererseits hat Frau Staatsministerin Christa Weiss, Beauftragte der Bundesregierung für die Angelegenheiten der Kultur und der Medien, mehrfach, u.a. in ihrer Rede anlässlich des 2. Berliner Denkmalsalons am 14. September 2003 nochmals eindringlich auf diesen Zusammenhang hingewiesen. Denkmalpflege ohne Nutzungskonzept ist sinnlos. Das gilt ohne Einschränkung auch für Friedhöfe. Wir können weder historische Friedhöfe oder Friedhofensembles noch einzelne kultur- und kunstgeschichtliche Grabstätten auf Dauer ohne Nutzungskonzept erhalten -und was besonders schwierig ist, ohne ökonomisch sinnvolles Nutzungskonzept.

Frau Weiß betonte in ihrer genannten Rede, und ich zitiere: "Moderne Denkmalpflege heißt deshalb für mich: Denkmalpflege für wen?, für welche Nutzung?, schlicht für welche Zukunft?" Und dabei geht es ihr keineswegs um das historische, sondern auch um das aktuelle Erbe. Es geht im Hinblick auf die Friedhöfe nicht nur um die romantischen Friedhöfe, um die barocken und historistischen Grabmonumente, sondern auch um die aktuell en, vielleicht unscheinbaren, künstlerisch weniger wichtigen Friedhöfe. Mit anderen Worten, die Berliner Friedhöfe in ihrer Gesamtheit zählen zum kulturellen Erbe dieser Stadt. Und damit steht die Stadt vor einem ökonomisch schier unlösbaren Problem.

Wen wundert es, dass ganz unterschiedliche Konzepte aus der Taufe gehoben wurden. Ich nenne nur pars pro toto das DBU-geförderte Modellprojekt für den Südwestkirchhof Stahnsdorf, das nach neuen Nutzungsalternativen sucht, und andererseits das Planungsszenario, einen Teil oder sogar einen Großteil der Berliner Friedhöfe zu schließen und nach erfolgter Entwidmung anderen Nutzungen zuzuführen. Und es sind zu nennen die auch von der Politik gewünschten zahlreichen privaten und ehrenamtlichen Initiativen zum Erhalt einzelner historischer Friedhöfe.

Wer immer heute an die Zukunftssicherung der Berliner Friedhöfe denkt, wird sich dem politischen Auftrag nicht verschließen können, neue zukunftssichere Nutzungskonzepte zu entwerfen. Nur dann wird man auch auf politische Unterstützung und Förderung rechnen dürfen.

Und Frau Ministerin forderte neben klugen Nutzungskonzepten Kreativität und Visionen. Also lassen sie uns von Visionen sprechen. Sind die Berliner Friedhöfe nur ein Erbe dieser Stadt? Gewiss dokumentieren sie wie keine andere Denkmalgattung die Geschichte dieser Stadt von den dörflichen Strukturen über die nationalsozialistischen Utopien von Germania als der neuen Hauptstadt des 1000jährigen Reiches bis hin zur Teilung von Land und Stadt nach dem 2. Weltkrieg. Heute können die durch den Mauerverlauf zerschnittenen Friedhöfe zu einem Symbol der Einheit werden. Mehr noch sind die Friedhöfe ein kulturelles Erbe Preußens und der ganzen deutschen Nation. Sie sind Erbe abendländischer Friedhofskultur.

Berliner Friedhofslandschaft - Weltkulturerbe der UNESCO ?

1972 wurde in Stockholm die UNESCO-Konvention zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt verabschiedet. Unter den sechs definierten Merkmalen, die ein Weltkulturerbe ausmachen, erachte ich für die Berliner Friedhofslandschaft als relevant u.a. Punkt 6: "Das Objekt muss bedeutungsvoll sein im Zusammenhang mit herausragenden Ideen oder historischen Gestalten." Welche anderen Kulturgüter dokumentieren mehr die geistige Haltung und die Herausbildung von Ideen als die Friedhöfe? Friedhöfe per se sind dazu ausersehen das Gedenken an Personen und an Haltungen festzuhalten. Wie viel mehr können dies die Berliner Friedhöfe in ihrer Gesamtheit und in der Zusammenschau einer jahrhundertelangen Entwicklung? Eine Vision dieser Stadt könnte also sein, die Berliner Friedhöfe als ein Kulturdenkmal an sich fit zu machen für das UNESCO Weltkulturerbe.

Überhaupt stünde es dem Gedanken eines Weltkulturerbes sehr gut an, der Gattung Friedhof mehr Gewicht zu verleihen, denn der Friedhof ist aus sich heraus grundsätzlich ein Ort der Memoria. Und bis jetzt gibt es unter den 563 eingetragenen Kulturdenkmalen der UNESCO mit dem Skogskyrkogärden Friedhof in Stockholm (1919-1940) nur einen einzigen abendländischen Friedhof. Eingetragen sind außerdem im chinesischen Qufu die Residenz der Familie Kong mit einem Friedhof, auf dem sich u.a. das Grab von Konfuzius befindet, der frühchristliche Friedhof in Pecs (Ungarn) und der bronzezeitliche Friedhof Sammallahdenmäki in Finnland. Damit sind nicht nur die Begräbnisstätten grundsätzlich unterrepräsentiert, sondern es fehlt auch eine Friedhofslandschaft in ihrem städtebaulichen Kontext. Dafür bietet, soweit ich das sehe, Berlin das eindrucksvollste Beispiel in Europa. Die Berliner Friedhofslandschaft ist UNESCO würdig - wenn man es nur will.

Was sagt ein Denkmal über uns?

Schließlich muss der Wert eines Denkmals daran gemessen werden, was es über uns sagt. Was sagt es über unsere kulturelle Verfasstheit, über unsere Geistigkeit, über unsere Haltung? Und damit habe ich mich nochmals dem Kriterienkatalog von Frau Weiss angeschlossen. Friedhöfe sind aber nun in der Tat tragende Säulen unseres Menschenbildes, wenn man Tod und Endlichkeit als Teil unserer menschlichen Verfasstheit ansieht, als Zeugen unseres Umgehens mit dem letzten Mysterium menschlichen Lebens, mit dem Tod. Die Religionen und Weltanschauungen haben darauf unterschiedliche Antworten gegeben. Viele von ihnen sind hier in Berlin, in den Grenzen einer Stadt vereinigt, neuerdings seit August diesen Jahres auch in Gestalt eines buddhistischen Friedhofes. Neben jüdischen und islamischen Friedhöfen ist der 1847 eröffnete Friedhof der Freireligiösen Gemeinde am Prenzlauer Berg zu nennen. Lassen Sie uns dabei nicht von einer Konfrontation der Weltanschauungen, sondern von einem Dialog in einer weltoffenen Stadt sprechen. Gleichwohl hoffe ich darauf, dass bei der vorherrschenden Dominanz konfessioneller Friedhöfe in Berlin auch die Vertreterinnen und Vertreter der Kirchen in der Friedhofskultur die Chance zum geistigen Diskurs darüber erkennen, was uns Menschen ausmacht.

Dies schließt die Chance mit ein, im Bewusstmachen dieses kulturellen Dialogs auch auf ein bewussteres, ein überlegteres Bestattungsverhalten hinzuwirken. Dabei geht es mir keineswegs um ein Diskreditieren neuen Bestattungsverhaltens, das in der immer häufiger formulierten Forderung, die Urne mit nach Hause zu nehmen, gipfelt, sondern um ein bewussteres Verhalten, das die Angelegenheiten der Bestattung nicht im Sinne einer aktuellen Momentaufnahme regelt. Wir stehen hier an einem Wendepunkt, ob die kollektive Solidarität, aus der unsere Friedhöfe entstanden sind, abgelöst wird durch die rein private, individualisierte Totenfürsorge. Und damit ist die Frage verknüpft, auf welchem Wertesystem eine Gesellschaft basiert.

Berliner Museum für Bestattungs- und Friedhofskultur

Die bereits in der Senatsbroschüre von 1992 formulierte Forderung, alle Bereiche der Gesellschaft für Friedhofsfragen zu interessieren, findet ihre Fortsetzung in der zitierten Rede von Frau Weiss, wenn sie die Unterrichtung und Sensibilisierung der Öffentlichkeit für Fragen des Kulturerbes verlangt. Bevor wir also der Vision vom Weltkulturerbe näher treten, muss es in Berlin selbst gelingen, das Denken von der Last auf das Überzeugtsein vom Erbe zu lenken, Dazu braucht es einen Fixpunkt, an dem die verästelten Stränge Berliner Friedhofskultur zusammenlaufen. Kaum jemand, schon gar kein Bürger dieser Stadt oder ein Tourist kann die Vielfalt der Berliner Friedhöfe überblicken, seien es nun 266 oder nur 240. Die museale Erschließung der Berliner Bestattungs- und Friedhofskultur an einem geeigneten Standort verbunden mit einem Netzwerk dezentraler sepulkraler Highlights hat Berlin verdient und muss ein Ziel für die Zukunft sein, nicht nur um die angestrebte Eintragung in das Weltkulturerbe zu erreichen, sondern auch um in unserer Gesellschaft einen neuen Ankerpunkt für eine notwendige Wertediskussion zu schaffen.

Welche Orte und welche Handlungen führen uns stärker hin zu dem, was wir unter Humanität und Pietät verstehen? Friedhöfe und Beerdigungen machen deutlich, wie wir mit Menschen umgehen, und ob und welcher Instanz gegenüber wir uns verantwortlich wissen. Neben rein musealen und denkmalpflegerischen Aufgaben hätte ein zentrales BERLINER ZENTRUM FÜR BESTATTUNGS- UND FRIEDHOFSKULTUR genau diese Aufgabe, einen substantiellen Beitrag zur Wertediskussion in unserer Gesellschaft zu leisten. Immerhin sieht sich auch die Politik heute mehr denn je vor die Fragen gestellt, wann beginnt, wann endet Leben? Welche Rahmenbedingungen müssen geschaffen sein für ein Altwerden und ein Sterben in Selbstbestimmung und Würde? Die ethischen Fragestellungen dessen, was erlaubt und was verboten sein soll, werden in noch nicht gekanntem Ausmaß zunehmen. Der Umgang mit Sterbenden, mit Verstorbenen und mit Trauernden gehört dazu.

Für ein solches Berliner Zentrum der Bestattungs- und Friedhofskultur stünden in Berlin zahlreiche Standorte zur Verfügung, auch im Sinne neuer Nutzungskonzepte für ein Zuviel an Friedhofsfläche und für ein Zuviel an baulicher Substanz. Dieser Standort muss in einem berlinimmanenten Diskurs gefunden werden. Und an dieser Stelle bekräftige ich auch, dass sich die AFD von ihren Plänen verabschiedet hat, dafür ein eigenes Konzept zu entwickeln.

Der kurzzeitig angedachte Standort Nordend ist aufgrund zahlreicher Überlegungen vom Tisch. Der wichtigste Grund ist aber, dass nur innerhalb der Berliner Szene und all derer, die hier Verantwortung tragen, dieser Standort gefunden werden kann. Gleichwohl bleibt es der Wunsch und die Hoffnung der AFD, dass neben dem Kasseler Museum für Sepulkralkultur ein zweites sepulkrales Museum in der Hauptstadt entsteht.

Kultur, Friedhöfe und ihre Finanzierung

Kluge Nutzungskonzepte hat Frau Ministerin Weiss gefordert - und dazu gehören ohne jeden Zweifel auch die notwendigen ökonomischen Überlegungen. Wenn wir die Schließung von Friedhöfen und Friedhofsteilen umgehen wollen, brauchen wir adäquate Nutzungen. Und hier betone ich ausdrücklich, die genuine Nutzung von Friedhöfen muss die Bestattung von Toten bleiben. Ein laufender Friedhofsbetrieb gewährt nach allgemeiner Überzeugung der Fachexperten den besten Denkmalschutz.

Um eine bessere Auslastung der Friedhöfe zu erreichen, sollte man zunächst die Hoffnung nicht aufgeben, dass der Trend zur Feuerbestattung und zu platzsparenden Bestattungsformen auch einen Gegentrend erfahren kann. Hier in der Beratung entsprechend mitzuwirken, sind alle Bestatterinnen und Bestatter herzlich eingeladen und aufgefordert. Und vielleicht gelingt im Verbund mit den Kirchen eine konzertierte Aktion. Erfolgversprechend kann dies jedoch nur sein, wenn die Grabnutzungsgebühren für Feuer- und Erdbestattung auf demselben Niveau liegen. Wir müssen uns trennen von dem Prinzip, dass die Gebühren sich nach der Größe eines Grabes richten. Vielmehr sind alle Grabnutzer, ob Erd- oder Feuerbestattung gehalten, die kollektive Nutzung eines Friedhofes in gleicher Weise zu finanzieren. Die Entscheidung für Erd- oder Urnengrab muss von anderen Faktoren abhängig sein als von den zu entrichtenden Gebühren. Nur bei finanzieller Gleichstellung kann ein Umkehrtrend erzielt werden.

Gleichzeitig wird man veränderten Bestattungswünschen Rechnung tragen müssen. Und dies betrifft den Ablauf der Bestattung, die zeitlichen und räumlichen Gegebenheiten genauso wie neue Beisetzungsformen. Gerade die vorherrschende Feuerbestattung hat Wünsche nach Urnengemeinschaftsanlagen wie nach dem Ausstreuen der Asche gleichermaßen ausgelöst, nach naturnahen Bestattungen ebenso wie nach besonders gestalteten Erinnerungsgärten. Die Vielfalt der Berliner Friedhöfe legt eine neue Vielfalt von Grabarten und Beisetzungsformen geradezu nahe. Freilich werden manche Vorbehalte bei den Friedhofsverantwortlichen beseitigt worden müssen, und gleichzeitig ist stets die Verträglichkeit der Wünsche der Hinterbliebenen untereinander zu berücksichtigen. Aber ich sehe keine wirkliche Alternative.

Immer den eigentlichen Bestattungszweck der Friedhöfe vor Augen wird man auch nach verträglichen kommerziellen Nutzungen von Friedhöfen suchen müssen. Aber was spricht wirklich dagegen, friedhofsnahe Gewerke wie Grabmalschaffende, Friedhofsgärtner oder Bestattungsinstitute auf Friedhöfen anzusiedeln, sei es auf vorhanden Freiflächen, sei es in bestehenden, nicht mehr genutzten Baulichkeiten. Ob das möglich ist oder nicht, kann nur angesichts der konkreten Verhältnisse vor Ort entschieden werden. Von vornherein ausgeschlossen kann es nicht sein. Die geltende Rechtslage muss diesbezüglich geändert werden.

Und selbst friedhofsfremde Gewerbe will ich keineswegs ausschließen. Besonders an stille Gewerke ist zu denken, etwa an Design- oder Architekturbüros oder auch an Künstlerateliers. Friedhöfe haben durchaus Standortvorteile. Ihr romantisches Ambiente kann ebenso ausschlaggebend sein wie gute Parkmöglichkeiten. Vielleicht sind gerade kulturnahe Gewerbe für eine Ansiedlung auf dem Friedhof zu gewinnen, wenn sie das besondere Flair entdecken, das dort herrscht. Ich spüre förmlich die Widerstände gegen solche Überlegungen, aber es muss alles ausgelotet werden, wenn wir eine Zukunft für unsere Friedhöfe suchen. Und abhängig wird dies immer sein von einer individuellen und gewissenhaften Prüfung der örtlichen Bedingungen. Aber warum soll dort ein gastronomischer Betrieb grundsätzlich ausgeschlossen sein? Wir müssen damit rechnen, dass das Gebührenaufkommen auf den Friedhöfen zu ihrer Unterhaltung allein nicht mehr reichen wird.

Auch will ich nicht ausschließen, dass die öffentliche Hand ihre besondere Verantwortung für die Friedhöfe wieder entdeckt und bereit ist, mehr als bisher in den Kulturraum Friedhof zu investieren. Das Ziel Weltkulturerbe vor Augen rechtfertigt ein derartiges Umdenken. Will man die gewachsene Friedhofslandschaft nicht nur in Berlin, sondern in Deutschland überhaupt erhalten, wird Umdenken zu einem zentralen Begriff werden müssen. Die Planspiele und Modelle müssen wesentlich radikaler werden als bisher. Und darin werden auch die Überlegungen zur Schließung und Veräußerung von Friedhöfen oder Friedhofsteilen eine Rolle spielen, um Mittel zu erwirtschaften, die die notwendigen Investitionen erlauben.

Wer bündelt die Visionen?

Berlin weiß, dass es hinsichtlich der Neuordnung der Friedhofslandschaft vor großen Herausforderungen steht, weshalb auch keine Denkmöglichkeit von vornherein ausgeschlossen werden darf. Sollten meine Gedanken nicht von vornherein verworfen werden, so braucht es künftig eine Koordination der vielfältigen Berliner Aktivitäten, und vielleicht übernimmt die Stiftung historischer Kirchhöfe und Friedhöfe in Berlin-Brandenburg diese Aufgabe. An Aufgaben für die nächsten 1 5 Jahre wird es so oder so nicht mangeln. Und für die Bewältigung der anstehenden Probleme wünsche ich der Stiftung ein segensreiches Wirken. Ich wünsche allen Verantwortlichen und Beteiligten das Vertrauen in die Zukunft und den Mut zu Visionen. Die Friedhöfe in Berlin und Brandenburg sind es wert. Und unsere Gesellschaft braucht Impulse. Friedhöfe liegen nicht am Rande des Lebens, sondern sie sind mitten unter uns, zumindest in Berlin. Dass dies so bleibt, muss der Wunsch aller sein, die sich heute zu dieser Jubiläumsfeier eingefunden haben.