aus: "bestattungskultur" 8/2005. Fachzeitschrift für das Deutsche Bestattungsgewerbe, S. 8-10.

Galvanoplastiken um 1900
Grabskulpturen als Serienproduktion

1837 erfand der in Potsdam geborene Moritz Hermann Jacobi die Galvanoplastik. Dieses Verfahren machte die serielle Reproduktion von künstlerischen Orginalen möglich. Von der Orginalplastik, also dem Modell eines Künstlers, wurde zunächst ein negativer Zwischenabguss angefertigt und davon wieder ein Positiv. Dies Positiv bekam je nach Wunsch einen hauchdünnen Überzug aus Kupfer, Silber oder Gold.

Industriell produzierte Galvanofiguren waren für das Bürgertum der Gründerzeit eine Alternative zu oft unerschwinglichen Bronzeerzeugnissen. Die meisten der auf galvanischem Wege produzierten Figuren auf Friedhöfen stammen aus den Jahren von 1904 bis zum Ersten Weltkrieg. Die von anerkannten Künstlern wie Otto Lessing oder Heinrich Pohlmann entworfenen Werke sahen äußerlich wie Bronzen aus, kosteten aber nur den Bruchteil eines einzigartigen Bronzegusses.

Engel aus dem Versandkatalog

Unter den Metall verarbeitenden Betrieben tat sich als Galvanoproduzent besonders die 1880 gegründete Würtembergische Metallwarenfabrik (WMF) in Geislingen-Steige hervor. Im Jahr 1890 übernahm die rasch expandierende WMF die Galvanoplastische Kunstanstalt in München, deren Produktion 1894 nach Geislingen verlegt wurde und die dort bis 1950 bestand.

Zur Blütezeit der industriell produzierten Auflagenplastik umfasste das Verkaufsprogramm der WMF nicht nur repräsentativen Grabschmuck, sondern auch Bauornamente, Krieger- und Kaiserdenkmäler, Kleinplastiken für den Wohngebrauch sowie Nachbildungen von bekannten Werken aus der Antike oder Renaissance.

Trotz Massenfertigung genügten viele Artikel der WMF selbst höchsten künstlerischen Ansprüchen. Das Denkmal des Königs von Thailand wurde in Geislingen ebenso herstellt, wie die Nachbildung der von Lorenzo Ghiberti geschaffenen "Paradiestür" des Baptisteriums in Florenz. Mit der Plakette der "Galvanoplastischen Kunstanstalt Geislingen-St." versehene Sepulkralplastiken stehen heute unter anderem auf Friedhöfen in Berlin, Hamburg, London und Warschau.

Die Sortimentskataloge der WMF sollten einen weiten Kreis an kunstinteressierten Käufern angesprechen, dementsprechend wurden sie auch reich illustriert und in verschiedene Sprachen übersetzt. Ähnlich wie bei einem Versandhaus konnte darin serieller Grabschmuck wie Engelsfiguren, trauernde Frauen, Christusdarstellungen, Reliefs in verschiedenster Größe, Form, Patinierung und Preisklasse bestellt werden.

Zahllose WMF-Engel mit festgelegten Attributen sowie etliche Varianten der weiblichen Trauernden bevölkerten Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts die deutschen Friedhöfe. Die 150 Galvanoplastiken auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf zeigen die standardisierten Posen: schwebend, schreitend oder kniend, der Haltung des Gebets oder der Trauer.

Schon bald erkannte das Geislinger Großunternehmen die Gefahr der ästhetischen Abnutzung, die langfristig der Aura des Einmaligen geschadet hätte. Die WMF gestattete mithilfe exakter Buchführung deshalb jeden Begräbnisplatz nur noch je ein Exemplar einer Kopie - auf Großfriedhöfen konnten bis zu drei Figurentypen in gleicher Ausführung und Größe aufgestellt werden.

Keine Massenware für Kaiser

Widerstände gegen die bronzeähnlichen Industrieprodukte gab es schon kurz vor der Jahrhundertwende. Den Galvanoplastiken fehlte der Orginaliätskult des jeweils neu geschaffenen künstlerischen Werks. Reproduktionen für Kaiserdenkmäler sollten sich - so die Forderung Wilhelms II. - von solcher Massenware unterscheiden.

1898 erließ der preußische Kultusminister ein generelles Verbot zur Fertigung von Denkmälern aus "minderwertigem Material" und "gegen die fabrikationsmäßige Ausnützung vorhandener Modelle". Dieses Verbot hatte allerdings nur bis 1902 Bestand, da die neue Spezialindustrie erfolgreich dagegen opponierte und sich durch wissenschaftliche Gutachter die Gleichwertigkeit von Bronzeguß und Galvanoplastik bestätigen ließ. Mehr noch: Da auf galvanischem Wege reines Kupfer verarbeitet werden konnte, wurden die edel patinierten Galvanos in Hinblick auf Haltbarkeit und Schönheit nun als die "besseren Bronzen" verkauft.

Als die Friedhofsreformbewegung in der Weimarer Republik eine moderne Grabmalästhetik ausrief und für eine Wiederbelebung individuell "authentischer" Handwerkskunst eintrat, wurden die Galvanofiguren aus des Kaiserreichs erneut als "unechte" Industrieprodukte kritisiert. Abermals versuchte die WMF der technischen und künstlerischen Abwertung entgegenzutreten, indem sie in ihren Katalogen neben Gutachten auch prominente Dankschreiben abdruckte. Der Absatz von Galvanos florierte bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, dann stellte die Galvanoplastische Kunstanstalt der WMF die Produktion ein.

Sterben die Engel aus?

Galvanoplastischer Grabschmuck wird in geringer Stückzahl zwar bis heute hergestellt, allerdings nicht mehr von der WMF. Insbesondere Kerngalvanos aus der Zeit zwischen 1890 und dem Ersten Weltkrieg sind auf Begräbnisplätzen nur noch in wenigen Exemplaren vorhanden. Die "Stiftung Historische Kirchhöfe und Friedhöfe in Berlin-Brandenburg" betreibt zur Zeit mit Unterstützung der "Müller-Klein-Rogge-Stiftung" ein Projekt zur Erfassung, Sicherung und Konservierung kerngalvanoplastischer Arbeiten auf Friedhöfen in Deutschland.

Dirk Reimann, Thomas Jung

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