(für einen vergrößerten Plan auf das Bild klicken)

Besucheranschrift:

Am Alten Hafen

14712 Rathenow

Verwaltung:

Kirchberg 11

14712 Rathenow

T.: 03385 / 512390

Öffnungszeiten:

richten sich nach Sonnenauf- und Untergang

Memento e.V.

Frau Eva Lehman, Vorsitzende:
03385 / 520355

Entstehungsjahr: 1735/40
Größe: 190 000 qm

Orientierung:
Stadtplanlink
 
Nahverkehr
Am Alten Hafen, neben der alten Feuerwehr, liegt der Haupteingang zum historischen Friedhof der Evangelischen Kirchengemeinde zu Rathenow. Es handelt sich um eine denkmalgeschütze, noch in ihren wesentlichen Strukturen erhaltene Anlage. Der Kern (Abt. I) wurde 1735/40 im Zuge der Errichtung der Neustadt angelegt und anschließend bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts sukzessive auf den alten Weinberg und darüber hinaus erweitert (Abt. II-X).
Landschaftlich reizvoll erstreckt sich die Anlage terrassenartig über das hügelig ansteigende Gelände und läuft zum sogenannten Waldfriedhof aus, der nach Süden hin einen immer wildwüchsigeren Charakter annimmt.

Dieses landschaftlich- und kulturgeschichtliche Kleinod umfaßt eine Gesamtfläche
von 19 ha. Die Großzügigkeit und Ausmaße der Anlage erstaunen im Vergleich zu Friedhöfen in ähnlich großen Städten.

Bedeutende Bauten:

Noch heute steht unweit des Haupteingangs das alte, mittlerweile desolate Torhaus aus dem Jahre 1759, welches als zeitweilig als Leichenhalle und zuletzt als Friedhofsblumenladen genutzt wurde. Das Gebäude zählt zu einer der ersten in Deutschland errichteten Leichenhallen überhaupt und soll mit Hilfe des Fördervereins restauriert und wieder nutzbar gemacht werden, z.B. als sog. "Raum der Stille", Auskunftsstelle und/oder Ausstellungsort. Dieses Projekt soll bis 2006, zum Start der Landesgartenschau in Rathenow, abgeschlossen sein.
Der torbogenartige Durchgang in der Mittelachse des Gebäudes gibt den Blick frei auf einen der alten Hauptwege, die Ahornallee. Sie führt zur großen, 1850 angelegten Treppe. Hier endete einst die alte Friedhofsmauer (Abt. I). Noch heute befinden sich hier einige Erbbegräbnisse aus der Gründungszeit des Friedhofs.

Die Treppe am Ende der Ahornallee führt zur 1914-17 vom Rathenower Baummeister Gäding errichteten Kapelle (Auferstehungskirche), welche auf einer Anhöhe (Abt. III) liegt. Die Turmspitze des architektonisch überaus reizvollen roten Klinkerbaus wurde im Krieg zerstört. Die Kapelle war mit einem damals hoch modernen Leichenkeller und einem Sezierraum ausgestattet. Die Innenraumgestaltung ist größtenteils verloren. Noch erhalten ist das relativ gut erhaltene Altargemälde mit der Darstellung von "Christi Auferstehung" von Dr. Ing. C. Steinberg aus Berlin aus dem Jahre 1918. Kürzlich restauriert wurde die Schuke-Orgel auf der Empore über dem Eingang. Bemerkenswert ist die Sichtachse, die den Blick beim Verlassen der Kapelle in die Ferne des hellen, weiten Landes führt und ein einzigartiges Naturerlebnis hervorruft.

Bedeutende Gräber:

Unter den Einwohnern Rathenows immer noch geläufig ist die nur ortstypische Bezeichnung "Bögen" für die Wandgräber an der alten Friedhofsmauer. Sie nehmen jeweils einen gemauerten Bogen zwischen den Mauerpfeilern ein. Hier liegen zahlreiche für die Stadtgeschichte bedeutende Familien bestattet, z.B. die Familie des Rathenower Pastors und Förderers der Optik-Industrie J. H. A. Duncker, des ehemaligen Superintendenten Glokke, oder der ebenfalls für die Optik-Industrie sehr bedeutenden Kaufmannsfamilie Nitsche.

In unmittelbarer Umgebung der Kapelle befindet sich die Gittergrabstellen der Familie Emil Busch (1820-1888), Nachfahren der Duncker-Familie, die zu den führenden Optikfabrikanten in Rathenow gehörten, die Ruhestätte der Familie des Heimatforschers und Lehrers Walter Specht (1878-1949) und eine, mittlerweile neu belegte, bemerkenswerte Kolonnadengrabstelle. Unweit entfernt, im Mittelpunkt des sogenannten Waldfriedhofes, steht eines der schönsten Grabmale. Es handelt sich um die Grabstätte August Gebauer (1866-1935) und zeigt eine Bronzefigur von Dammann und Rochlitz, auf einem rötlichen Marmorblock plaziert. Dargestellt ist ein an seinem Stock zusammenbrechender, in die Knie sinkender Wanderer.

Folgt man dem Hauptweg in Richtung Süden, erreicht man den im 1.WK errichteten Soldatenfriedhof, der nach dem Bombenangriff von 1944 erweitert werden mußte und in unmittelbarer Nachbarschaft das anonyme Gräberfeld gefallener Zivilisten. Es schließen die seit 1922 angelegten, aber seit längerem stillgelegten wildwüchsigen Bereiche an (Abt. IX-X), welche bis zur Landesgartenschau als Teil des öffentlichen Rundganges zu einem Rhododendronpark umgestaltet werden sollen.

Zu den prominenten Ruhestätten auf dem historischen Rathenower Friedhof zählen neben den Industriellen der Optik- und Ziegelindustrie, vor allem die Offiziersgräber aus Rathenows Zeit als Garnison der Zietenhusaren, wie z.B. das Grab des Generals der preußischen Kavallerie Heinrich von Rosenberg, oder des Generalstabsarztes Dr. A. Noethe.

Auf den ältesten Teilen des Friedhofs finden sich noch seltene klassizistische Grabzeichen aus Gußeisen (Kreuze, Tafeln), z.B. am Erbb. der Kaufmannsfamilie J.J. Meuß, (1783-1859).
Darüber hinaus sind aufällig viele schöne und recht gut erhaltene Gittergrabstellen, darunter interessante Jugendstilgitter (z.B. Fam. Kutschera), über das gesamte Gelände verteilt vorhanden. Die seitliche Einfassung der Grabstellen bilden in auffällig vielen Beispielen einfache gedrehte Gitter.
Es lassen sich überall noch gut erhaltene, wertvolle Grabmäler aus unterschiedlichsten Materialien (Sandstein, Granit, Schmiedeeisen, Glasplattensteine, hochwertigem Rathenower Klinker, Reformsteine) finden.
Neben der Grabstätte Gebauer mit der Dammann-Bronzefigur sind als kunsthistorisch besonders wertvoll hervorzuheben das neugotische Wandgrab aus teils bläulich glasierten Klinkern mit Gittereinfassung der Ziegelfabrikantenfamilie Geue jr.; das Gittergrab der Apothekersfamilie Hermann Schulte (1830-1895) mit einem Putto im Stile Rauchs, der eine ovale Plakette trägt, mit der Aufschrift "Wiedersehn" oder das Erbbegräbnis Muth, das eine überlebensgroße, stehende Trauernde im Baldachin (1918) zeigt.

Text: Yvonne Zimmerer